Bericht 1

Ein Jahr Ferien

Wie? Ihr wollt schon wieder los? Und euren Sohn, nehmt ihr den auch wieder mit? Das geht doch gar nicht, oder!?
So oder ähnlich häufen sich in letzter Zeit die Fragen von Kollegen, wenn meine Frau Katrin oder ich auf die Zeit ab Sommer dieses Jahres zu sprechen kommen. Scheinbar haben sich die Kollegen immer noch nicht dran gewöhnt, dass wir von Zeit zu Zeit für eine Weile dem zivilen Leben entsagen und uns für ein Segelabenteuer eine Auszeit gönnen.

Sabbatical heißt das Zauberwort im Berliner öffentlichen Dienst, welches uns diese freien Zeiträume einräumt. Das Prinzip ist einfach: 3 Jahre arbeiten wir voll für 75% des Gehalts und im freien vierten Jahr werden uns die vorher erarbeiteten Gehaltsanteile ausgezahlt. Die Vorteile liegen auf beiden Seiten, wir bekommen während unseres freien Jahr weiterhin Geld und der Finanzsenator spart so 2 Jahresgehälter. Die Chefs unserer beiden Behörden sind davon allerdings nicht so begeistert und Karriere fördernd ist so ein Verhalten schon gar nicht, aber wer das eine will.........

Julius unser Jüngster freut sich mit seinen 12 Jahren ungemein auf das Jahr Ferien, während sein doppelt so alter Bruder Falk, gerade erst mit beiden Beinen im Arbeitsleben, nur im Urlaub mitreisen kann. Die Hürden in Deutschland, Schulkinder für ein Jahr Beurlauben zu lassen sind glücklicher Weise etwas lockerer geworden. In Berlin obliegt diese Entscheidung nunmehr dem jeweiligen Schulleiter, der sich sicherlich ein besseres Bild von den familiären Verhältnissen machen kann, als eine weit entfernte Schulbehörde.

Eine Beschulung an Bord ist aber trotzdem notwendig. Auch wenn der „Job“ vor allem für die Lehrerin ziemlich anstrengend ist. Katrin  kennt das schon.  Sie durfte unserem Jüngsten Lesen und Schreiben beibringen. In unserem ersten freien Jahr hat sie die komplette erste Klasse beschult. Im Gegensatz dazu geht es auf unserer jetzigen Reise darum, das bis zur 6. Klasse erlernte Wissen zu erhalten. Julius wird im Jahr 2010 dann mit der 7. Klasse in Berlin fortsetzen. Es steht nach der 6. Klasse ohnehin der Wechsel von der Grundschule in eine andere Schulform an.

Das Schiff

Während uns unsere ersten beiden Reisen ins westliche und östliche Mittelmeer führten, steht nun der Sprung über den großen Teich in die Karibik auf dem Programm. Zwar hat uns unsere alte Dehler Optima bisher zuverlässig  an alle Ziele geführt, das einzige was während der vergangenen Reisen wirklich fehlte war Platz an Bord. Zu zweit sind 32 Fuß in Ordnung, auch eine Atlantiküberquerung wäre mit ihr sicherlich problemlos möglich gewesen. Ist man aber zu dritt und teilweise zu viert für viele Wochen und Monate unterwegs zählt jeder Quadratfuß den man mehr Platz hat an Bord.  Der Zufall spielte uns eine 23 Jahre alte 37 Fuß Yacht von Najad in die Hände. Der Preis war annehmbar, der Zustand war miserabel, aber wir nahmen sie trotzdem. Das Refit war eine Geschichte für sich und kann im Palstek 5/2007 nachgelesen werden.
Vor allem die Rumpfstärke ist vertrauenerweckend. Lag diese bei der Dehler bei rund einem cm, konnten wir hier 2 bis 3 cm messen. Dazu kommen einlaminierte Längs- und Querstringer in geringem Abstand. Innen wurde scheinbar ein kleiner Regenwald verbaut. Massives Mahagoni 2 cm stark von den verschraubten Bodenbrettern bis zu den Schwalbennestern. Nun irgendwoher müssen die rund 10 Tonnen Leergewicht ja auch kommen.
Nach dem Refit liegt nun auch die Ausrüstung unser Taras in den letzten Zügen. Solar und Windgenerator sind ebenso an Bord wie Wassermacher, Iridium-Handy und  Epirb. Eigentlich sollte auch noch eine Windfahnensteuerung ans Heck, aber nach monatelangem Grübeln haben wir uns nun doch dagegen und für einen 2. Autopilot entschieden. Für unser Mittelcockpit-Schiff wäre nur eine riesige Hilfsruderanlage (z.B. Pazifik plus) in Frage gekommen. Zum einen hätten wir dann unsere große Badeplattform zum Teil opfern müssen und zum anderen hätten wir die Anlage nach unserer Reise ohnehin nicht mehr benötigt. Den 2. Autopilot (Northstar) habe ich so ausgesucht, dass die neue Anlage auch mit dem alten Linearantrieb und umgekehrt funktioniert. Der Einbau war ziemlich aufwändig aber das Ergebnis ist überzeugend. Die Steuerergebnisse sind dank Gyrokompass und Ruderlagengeber sehr gut und das Handling ist einfach. Auch unser alter Furuno GPS verträgt sich gut mit der neuen Steuereinheit.
Für ungebetene Gäste wurde noch ein Weidezauntrafo installiert, wahrscheinlich werden wir mehr selbst dranhängen als irgendwelche potentiellen Eindringlinge, aber vielleicht hilft es ja doch.
Da bei unserem Schiffstyp der Kiel komplett in GFK eingepackt ist, war auch noch die Installation einer Blitzschutzanlage notwendig. Eine kräftige Kupferplatte wurde unters Schiff gebolzt und 50 Quadratmillimeter Kabel von den Wantenpüttings und vom Mastfuß in die Bilge zum Anschluss geführt. Ein sogenannter Blitzfänger kam auf den Masttop.
Kurz vor Toresschluss fiel und dann noch ein, die Schaumkerne der 25 Jahre alten Sitz- und Schlafpolster zu erneuern. Auch wurden die Bezüge im letzten Viertel Jahrhundert sicherlich nicht gewaschen, somit war die Aktion ohnehin überfällig. Die Schaumkerne haben wir selbst zugeschnitten und so kostete uns die Aktion nur rund 300 Euro.
Vorn und Achtern gönnten wir uns noch neue Luken, da die alten undicht und das Glas blind war. Außerdem wurden die alten spröden Kunststofflüfter auf den Luken so langsam zum Sicherheitsrisiko. Ein leichter Tritt gegen den Lüfter und schon kann man von außen durchgreifen und das Luk problemlos öffnen.

Die Crew und die Route

Wie sieht’s eigentlich mit der eigenen Vorbereitung aus? Sind wir fitt für die Reise? Sind wir mental vorbereitet? Das sind wohl die schwierigsten Fragen vor dem Start. Vor allem wenn es um Gesundheitsfragen geht kommen uns immer wieder Zweifel. Einige Wochen auf uns allein gestellt, das ist denn doch was anderes als mal eben im Mittelmeer zu segeln. Schwere Erkrankungen oder Verletzungen könnten uns echt in die Bredouille bringen.  Wir haben zwar ein paar Seminare besucht und starten mit einer gut gefüllten Bordapotheke, aber die Horrorvorstellungen reichen vom akuten Bilddarm bis zum Polytrauma nach einer Patenthalse. Das wir da vor allem Angst ums Kind haben ist sicherlich kein Geheimnis. Diese Verantwortung wird uns aber keiner abnehmen und wir können uns nur vornehmen entsprechende Umsicht walten zu lassen. Nicht zuletzt aus diesem Grunde kam das Iridium-Handy an Bord. Ein Medico-Gespräch ist so auch vom Atlantik aus leicht möglich.

Hilfreiche Hinweise bekamen wir in den letzten Monaten vor allem durch unsere Clubkameraden  vom Trans-Ocean. Die Berliner TO- Gemeinde trifft sich einmal monatlich und tauscht Erfahrungen aus. Hier finden wir nicht nur Gleichgesinnte, sondern auch Segler die ihre Weltumseglung bereits beendet haben. Während wir in der Familie und im Job immer nur die Exoten sind und Sätze hören wie: „Das wäre mir viel zu gefährlich!“ und: „Ziemlich leichtsinnig was ihr da vorhabt!“ , können wir uns hier mit Leuten austauschen die wirklich wissen wovon sie reden. Hier kann auch die eigene Routenplanung gegengecheckt und Tipps fürs ein- und ausklarieren in bestimmten Ländern eingeholt werden.

Obwohl man immer wieder in Zeitnot kommt, wenn man Teile der Reise mit wechselnden Crews plant, werden wir auch uns auch auf dieser Reise der Hilfe unserer Freunde  bedienen.
In Greifswald geht’s Mitte Juni los. Katrin, Julius und Falk werden erst Mitte Juli zu Ferienbeginn in Nordspanien dazu stoßen. Über Portugal, Marocco und den Kanarischen Inseln soll es dann zu den Kap Verden gehen. Verstärkt durch einen Freund geht’s dann über den Atlantik nach Martinique. Die Rücküberführung ist ab Anfang Mai 2010 geplant. Hier wollen mich 2 Freunde unterstützen und das Schiff zu den Azoren zu bringen. Die restliche Heimreise ist dann wieder in Familie geplant. Aber so weit sind wir ja noch lange nicht. Erst mal starten und dann sehen wir weiter.
Denn: Wie isst man einen Elefanten? Ganz einfach, Stück für Stück!

Torsten Gräser

SY Taras