Bericht 5

1.Juli 2009

Position: 49°59´ Nord, 3°45´West

Wir überqueren momentan den englischen Kanal von England nach Frankreich. Noch 100 sm bis nach Brest liegen vor uns. Mit unserem  115qm Spinnaker und den 35 qm vom Großsegel sind wir auch bei 4 Bf recht flott unterwegs.

An der  englischen Küste haben wir uns 4 kurze Stop-over geleistet. Eigentlich sollte es noch bis Falmouth gehen und von dort nonstop nach Spanien. Da meine Crew aber noch ein wenig Frankreich erleben will, verabschieden wir uns schon in Brixham von der englischen Südküste.
Portsmouth war übrigens sightseeing mäßig ein voller Erfolg. Die HMS Victory, das Schlachtschiff von Admiral Lord Nelson hat keinen unwesentlichen Beitrag dazu geleistet. Das Schiff (kein Nachbau!)  ist in einem phantastischen Zustand. Man sagt, es könne jederzeit seeklar gemacht werden und auslaufen. Allerdings ist das wohl eher eine theoretische Aussage, so hoch verehrt wie Lord Nelson hier in England ist, wird sein Schiff gehütet wie der heilige Gral.  Mit einer Messingtafel ist die Stelle  gekennzeichnet, an der  der Admiral tödlich getroffen von einem französischen Scharfschützen aufs Deck fiel. Das war in der berühmten Schlacht vor Trafalgar, die die Engländer dann aber doch noch gewonnen haben. Tja so stirbt man, was für ein Held!
Das Leben an Bord muss  verglichen mit dem unserem auf der Taras recht anstrengend und recht unkonfortabel gewesen sein. Das Schiff war zwar nicht klein, aber mit 821 Mann Besatzung an Bord war Platz dann doch Mangelware. Die Victory lief eine Höchstgeschwindigkeit von 11 kn. Wir laufen momentan zwischen 6 und 7 kn und nachdem Gustav unser  Autopilot seinen Job wieder übernommen hat, liegt die Besatzung faul in der Sonne.
Einen Tag später gings die 10 sm nach Cowes rüber, zur Isle of Wight. Cowes ist so etwas wie die Wiege des englischen Segel- und Regattasports. Von hier starteten und starten legendäre Regatten wie der Admiralscup  und das Round the Island Race. Die 21 blankgeputzten Startkanonen stehen direkt vor Englands nobelstem Segelclub, dem Royal Yacht Squadron.  Auch der erste Amerikascup wurde hier im Solent ausgetragen. Der Solent (die Wasserstraße zwischen Festland und Insel) ist aber nicht nur Rennstrecke für verrückte Regattasegler. Schnellfähren rasen im Minutentakt vom Festland zur Insel und zurück. Auch kleine Ausführungen der bekannten Howercraft Luftkissenboote sind hier noch im Dienst. Am Wochenende ist der Solent mit Segeln gespickt wie der Wannsee oder der Scharmützelsee. Nur auf die Tide sollte man beim wochenendlichen Ausflug achten. Der Strom saust mit bis zu 4 kn durch den Solent, bei richtiger Berechnung ist man also recht flott unterwegs. Die Altstadt von Cowes ist zum verlieben schön, Englische Pups wechseln sich mit  Läden die Seglerausrüstung anbieten ab. Nur auf die Einlage mit den Fish und Ships hätten Tommy und ich getrost verzichten können. Aber einmal sollte es halt sein. Danach wurde uns  wieder deutlich wie gut es uns an Bord mit Tommys Kochkünsten geht. Zur Entschädigung gabs am Tag darauf frische Steinbuttfilets mit Kartoffeln und einer leckeren Gemüsepfanne. Das Dessert bestand aus mit Schokolade gefüllten Backbananen, nur war der Weißwein gerade aus und so musste ein trockener Chilenischer Cabernet herhalten.

Über den Solent ging vorbei an den Needles weiter nach Brixham. Die Needles, das sind die kleinen Felsen an der Westecke der Insel, die schon vielen Regattaseglern beim Suchen des kürzesten Weges um die Insel zum Verhängnis geworden sind.

Die 85 sm nach Brixham mussten wir größtenteils motoren, damit war es laut an Bord und die Nachtruhe der Freiwache hielt sich in Grenzen. Morgens gegen 8 Uhr erreichten wir den Hafen von Brixham, vor dem ich unseren 20 kg Bügelanker mit reichlich Kette versehen im Schlamm versenkte und wir uns bis zum Mittagessen in die Kojen verkrochen. Natürlich gings danach in die Stadt, schon weil hier ein Nachbau der „Golden Hind“ dem Schiff von Sir Francis Drake liegt, mit dem er ab dem Jahr 1577 in drei Jahren die Welt umsegelte. Nur soviel: die Victory war dagegen ein Luxusliner! Die „Golden Hind“ hatte nicht mal ein Viertel der Länge der Victory und es waren über 60 Mann Besatzung für viele Monate auf See zu versorgen. Dazu kam, dass das lebende Fleisch (Hühner, Schweine) auch noch verstaut werden musste.
Heute beginnt in Brixham das Sea Festival, organisiert von der All Saints Kirche der Stadt. Ein Blick in die Kirche verrät, das Segeln und Glaube hier eng miteinander verbunden sind. Ein großes Steuerrad schmückt den Altar. Bilder alter und neuer Segelschiffe und Yachten werden aus- und vorgestellt. Am Montag soll es hier sogar einen Film über die alten J-Klasse Jachten aus den 20er und 30er Jahren geben. So macht auch für Heiden wie uns der Kirchgang Spaß. Aber am Montag werden wir wohl schon irgendwo an der Bretagne mit bonjour aufwachen und uns zum Frühstück Baguette und frische Croissants genehmigen. 

Ich werde euch auf dem Laufenden halten.

Torsten